Rezension

Henning Schmidt-Semisch, Heino Stöver (Hrsg.)

„Saufen mit Sinn? Harm Reduction beim Alkoholkonsum“

Fachhochschulverlag, Frankfurt a.M., 2012
ISBN: 978-3-940087-82-9
€ 19,00


In der Vergangenheit wurde mit dem Harm Reduction Ansatz vor allem im Kontext der Hilfen für Menschen, die illegale Drogen konsumieren, beabsichtigt, diesen Personenkreis frühzeitig und bereits während der Konsumphase zu erreichen. Ausgehend von den positiven Erfahrungen dieses Ansatzes in Verbindung mit einer bedingt akzeptierenden Grundhaltung, wurden in Folge die Strategien des Harm Reduction Konzepts bedingt auch auf Hilfen angewandt, die sich an Menschen richten, die legale Drogen wie Alkohol, Tabak und Medikamente konsumieren bzw. missbrauchen.

Hier setzt das im Mai veröffentlichte Buch „Saufen mit Sinn? Harm Reduction beim Alkoholkonsum“ von Henning Schmidt-Semisch und Heino Stöver an. In einem einführenden Vorwort und 16 Beiträgen verschiedener Autoren, bieten die Herausgeber einen umfassenden Überblick über Ansätze, Bedingungen und bisherige Erfahrungen mit Harm Reduction den Alkoholkonsum betreffend. Ziel der Herausgeber ist es einen Beitrag zur Entwicklung „zielgruppenspezifische[r] Hilfe-, Unterstützungs- und Aufklärungsangebote“ (Seite 1) zu leisten.

Stefanie Epding, Koordinatorin des FASD – Präventionsprojekts Projekts Wigwam Zero der vista gGmbH, stellt zusammen mit Manuela Nagel und Jan-Peter Siedentopf von der Infektionsambulanz der Klinik für Geburtsmedizin an der Charite Berlin den Harm Reduction-Ansatz im moralisch hochbesetzten Bereich Alkoholkonsum in der Schwangerschaft vor. Sie zeigen auf, wie die Risiken von Alkoholkonsum kommuniziert werden können ohne moralisch zu verurteilen und welche Hilfsangebote den betroffenen Frauen zur Verfügung stehen. Weil die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu der Frage, in welcher geringen Menge der Konsum von Alkohol während der Schwangerschaft für das ungeborene Kind eindeutig und nachweislich schädlich ist, noch nicht abgeschlossen ist, vermitteln die beschriebenen Angebote einen guten Einblick in Praxis akzeptierender Präventionsmaßnahmen. Mit Blick auf aktuelle Zahlen, nach denen 58% der befragten Berliner Schwangeren angaben in der Schwangerschaft Alkohol getrunken zu haben (vgl. Seite 272), ist der Einblick, den Nagel, Epding und Siedentopf in das komplexe Thema Alkoholkonsum in der Schwangerschaft geben, umso wichtiger. 

Mit Blick auf die historische Entwicklung von Harm Reduction Strategien wirft Hasso Spode die Frage auf, „ob es sich bei den jüngeren Überlegungen zu Harm Reduction im Kontext von Alkohol nicht doch eher um alten Wein in neuen Schläuchen handeln könnte“ (Seite 1). Rainer Grecca analysiert Harm Reduction-Maßnahmen der jüngeren Vergangenheit und geht den Ursachen für deren oft fehlende Wirksamkeit auf den Grund.

In zwei Beiträgen werden die Ergebnisse empirischer Untersuchungen ― zum Rauschtrinken bei Jugendlichen (G. Stumpp und H. Reinl) und geschlechterspezifische Unterschiede beim Trinkverhalten Jugendlicher (S. Hößelbarth, C. Seip und H. Stöver) ― präsentiert und ausgewertet. Den zunehmend exzessiven Alkoholkonsum junger Mädchen untersucht Marie-Louise Ernst und kann die oft vermutete These widerlegen, dass „sich Mädchen und Frauen generell in ihrem Trinkverhalten der männlichen Norm anpassen“ (Seite 14). Daraus formuliert sie die Forderung nach geschlechterspezifischen Ansätzen der Harm-Reduction.

Ausgehend von der Alltäglichkeit der zeitgenössischen Alkoholkultur „in die Kinder und Jugendliche mehr oder weniger selbstverständlich hineinwachsen“ (Seite 13), macht Stephan Sting in seinem Beitrag auf die Verantwortung der Gesellschaft aufmerksam.

Joachim Körkel, Wegbereiter des „Kontrollierten Trinkens“, erläutert die thematischen und begrifflichen Grundlagen dieses Ansatzes und zeigt sowohl die positiven Wirkungen als auch die Probleme und Hindernisse dieser ― noch immer umstrittenen ― Interventionsmaßnahme auf. Einen Schritt weiter geht Benedikt Sturzenhecker und stellt in seinem Beitrag die Möglichkeiten eines offensiven Umgangs mit Alkohol- und Drogenkonsum in der offenen Jugendarbeit vor. Auch der Beitrag von Johannes Lindenmeyer fokussiert die Zielgruppe Jugendliche und stellt das Präventionsprogramm „Lieber schlau als blau“ vor.

Für einen neuen Umgang mit Alkoholkonsum in Einrichtungen der Drogen- und Suchhilfe plädieren Urs Köthner sowie Dirk Walther und Klaudia Herring-Prestin in ihren Aufsätzen. Mit der Vorstellung der überwiegend guten Erfahrungen und Vorteile von erlaubtem Konsum von Alkohol im Rahmen der niedrigschwelligen Projekte der Krisenhilfe Bochum und des Wuppertaler „Café DÖPPS“, regen sie zum Umdenken an.

Gerade auch auf Partys, in Diskos und auf Großveranstaltungen spielt oftmals übermäßiger Alkoholkonsum eine große Rolle. Artur Schroers und Monika Männersdorfer untersuchen in ihrem Beitrag, wie Harm Reduction-Maßnahmen in diesen Umgebungen gestaltet werden können und stellen Erfahrungen des Wiener Projekts „PartyFit“ vor.

Rezensent: Jens Kohlmeier